Die Gesellschaft muss vom Fortschritt profitieren

Mit der Digitalisierung sind wir in ein Zeitalter des permanenten Wandels und der exponentiellen Optionssteigerung eingetreten. Die Wirtschaft hat das Potenzial dieser Entwicklung längst erkannt: Die Start-up-Szene ist hier Treiber technologischer und ökonomischer Innovationen. Neben einem höheren Nutzen für die jeweilige Zielgruppe liegen die Mehrwerte dieser neuen Geschäftsmodelle meist in einer besseren Wirkung eingesetzter Ressourcen. In dieser Wirkungssteigerung schlummert jedoch auch großes Potenzial für die Fortschreibung unserer Werte einer Sozialen Marktwirtschaft in das digitale Zeitalter - wir müssen es nur konsequent nutzen!

Mehr Handlungsspielräume und immer schneller aufkommende Innovationen und effizentere Ressourcennutzung: Der Erkenntnis dieser Wirkungssteigerung folgend hat sich analog zu der Start-up-Szene eine globale Social Entrepreneurship Bewegung gebildet. Als Social Entrepreneurship bezeichnet man die Entwicklung von Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen auf unternehmerische Art und Weise. Primärer Zweck ist die positive soziale und ökologische Wirkung sowie die ökonomische Nachhaltigkeit. Ihre Akteure möchten Lösungen für unsere gesellschaftlichen Herausforderungen mithilfe der Werkzeuge des 21. Jahrhunderts finden. Das Ziel dieser Bewegung ist klar: Vom Fortschritt soll in erster Linie die Gesellschaft als Ganzes profitieren. Basierend auf unseren Werten als Gestalter einer Sozialen Marktwirtschaft sollte man meinen, dass Deutschland in diesem Feld die Rolle eines Vorreiters einnimmt. Die Realität sieht leider anders aus.

Während die technologischen Innovationen auf breiter Basis gefördert werden, bleiben sich die sozialen und gesellschaftlichen zu großen Teilen selbst überlassen. Wenn die Soziale Marktwirtschaft den Anforderungen unserer Zeit gerecht werden will, muss sich das ändern. Deutschland soll und kann wieder eine führende Position einnehmen, wenn es darum geht, bahnbrechende Lösungen zu finden, die systemische Antworten auf gesamtgesellschaftliche Herausforderungen geben. Sozialunternehmer können solche Innovationen entwickeln, testen und vorantreiben. Sie sind deshalb wichtige Akteure in der Erneuerung unseres Sozialsystems mit dem Ziel, dass die Soziale Marktwirtschaft für ein sozial inklusives Wachstum für alle Menschen sorgt.

Aufbau einer ganzheitlichen Innovationsstrategie

Damit vom Fortschritt die Gesellschaft als Ganzes profitiert, brauchen wir eine ganzheitliche Innovationsstrategie. Die Konzeptionierung und Ausgestaltung einer solchen Strategie sollten Akteure der Social Entrepreneurship Szene, der Wohlfahrt, Vertreter zivilgesellschaftlicher Initiativen sowie die Politik gemeinsam erarbeiten und umsetzen. Als Basis für eine gute Abstimmung zwischen der Politik und den Gestaltern gesellschaftlicher Innovationen muss es klare Zuständigkeiten und Ansprechpartner bei den jeweiligen Ministerien geben. Gleiches gilt für andere öffentliche Institutionen wie z.B. der KfW. Idealerweise wird bei einem Ministerium oder beim Kanzleramt eine Koordinierungsstelle eingerichtet. Zur Inspiration kann hier die Abteilung „Wirkungscontrollingstelle des Bundes, Wirkungsorientiertes Verwaltungsmanagement, Verwaltungsinnovation” beim Bundeskanzleramt in Österreich dienen.

Wissensbasis und Know-How aufbauen

Durch Bildung wird uns das grundsätzliche Handwerkszeug vermittelt, mit dem wir unsere persönliche Zukunft und die der Gesellschaft als Ganzes gestalten können. Die Frage ist, ob wir unseren Kindern mit dem aktuellen Bildungssystem noch das richtige Handwerkszeug für die Zukunft vermitteln. Unser Schulsystem verpflichtet zu starrer Wissensaneignung und bereitet unseren Nachwuchs darauf vor in einem rigiden System zu funktionieren. Die Anforderungen einer immer komplexeren und vernetzteren Welt stellen uns jedoch vor die Herausforderung kreativ, selbstkritisch und interdisziplinär an Lösungsansätzen zu arbeiten. In der Weiterentwicklung unseres Bildungssystems könnten die Denkstrukturen sozialer Unternehmen eine wichtige Rolle spielen.

Einstiegshürden abbauen und Freiräume für Gründung und Ausbau schaffen

Die meisten bahnbrechenden Innovationen entstehen außerhalb etablierter Strukturen. Die Strukturen klassischer Akteure sind meist darauf ausgelegt, Prozesse zu standardisieren und dadurch möglichst wenig Abweichung von der Norm zuzulassen. Gerade in unserer sicherheitsorientierten Kultur ist es deshalb wichtig, den Gestaltern von Innovationen den nötigen Freiraum einzuräumen. Hier haben wir viel Arbeit von uns. Der aktuelle KfW-Gründungsmonitor 2017 weist erneut einen historischen Tiefstand für die Gründungszahlen in Deutschland aus. Social Start-ups stehen hier vor zusätzlichen Herausforderungen, da die meisten Instrumente der klassischen Gründungsförderung oft nicht greifen.

Immer mehr Menschen erkennen, dass wir mit den Systemen des letzten Jahrhunderts die aktuellen Herausforderungen nicht lösen können und wollen deshalb ihr Wissen und Erfahrung für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft einbringen. Leider ist dieser Luxus momentan in erster Linie Menschen vorbehalten, die entweder über den nötigen finanziellen Freiraum verfügen oder mit einem niedrigen Lebensunterhalt auskommen. Um Gründern den nötigen Freiraum für den Aufbau eines Social Start-ups zu ermöglichen, sollte für die Anlaufphase zumindest der persönliche Lebensunterhalt sichergestellt werden. Die Bundesregierung kann dafür die nötigen Voraussetzungen schaffen. Ein guter Ansatz war die im Koalitionsvertrag von 2013 angedachte, aber leider nicht umgesetzte Gründungszeit, die analog zur Elternzeit funktionieren sollte. Für den Bereich technologischer Innovationen gibt es von öffentlicher Hand subventionierte Programme wie z.B. den Innovationsassistenten. Warum gibt es diese Programme nicht auch für soziale und gesellschaftliche Innovationen? Wie wäre es, wenn wir zum Beispiel ein Social Sabatical schaffen? Wichtig ist es bei zukünftigen Programmen mitzudenken, dass diese nicht nur den Innovatoren im rein ökonomischen Kontext zur Verfügung stehen, sondern auch für Gestalter im Umfeld gesellschaftlicher und sozialer Innovationen nutzbar sind.

Die Herausforderungen im Aufbau von Social Start-ups und die Umsetzung gesellschaftlicher Innovationen sind in vielen Fällen ungleich höher als bei klassischen Gründungsvorhaben und die Kooperationspartner sind oft Akteure mit langwierigen Entscheidungsprozessen. Daher sollten Sozialunternehmen, die bereits eine Wirkungssteigerung gegenüber bestehenden Lösungen nachweisen können, ein Stipendium für die Wachstums- und Konsolidierungsphase analog dem Ashoka Fellowship zur Sicherung des Lebensunterhaltes über die öffentliche Hand bereitgestellt werden.

Finanzierung gesellschaftlicher Innovationen verbessern

Während wir ökonomische und technologische Innovationen mit viel Nachdruck über die öffentliche Hand fördern und finanzieren, ist es bei den gesellschaftlichen Innovationen bislang eher punktuell. Soziale Unternehmen sind meist ein Hybrid klassischer Start-ups und gemeinnütziger Organisationen. Öffentliche Finanzierungsinstrumente fokussieren sich in der Regel auf eine der beiden Möglichkeiten und sind deshalb in vielen Fällen für Social Start-ups nicht oder nur schwierig zugänglich.

Eine Möglichkeit diese Herausforderung zu lösen, wäre die Adaption erfolgreicher Finanzierungsinstrumente der Gründungs- und Innovationsförderung für Social Start-ups und gesellschaftliche Innovationen. Die Aufnahme von Social Entrepreneurship in die Vergabekriterien EXIST-Gründungskultur an Hochschulen Föderprogramme wäre beispielsweise ein guter Anfang. Noch besser wäre jedoch der Aufbau eigener Finanzierungsinstrumente, die den Bedürfnissen der Social Start-ups besser gerecht werden. Viel Potenzial schlummert auch im Aufbau von Matchingfonds für gegenleistungsbasiertes Crowdfunding, was aktuell viele Social Start-ups als Instrument für den Markteintritt nutzen. Hier könnte es ein analoges Matchfunding durch die öffentliche Hand geben. Zudem können über Crowdfunding-Contests direkt Lösungen für bestimmte gesellschaftliche Herausforderungen gesucht, finanziert und bei der Umsetzung begleitet werden. Die Schaffung nachhaltiger Finanzierungsinstrumente kann auf vielfältigen Wegen erfolgen. Wichtig ist es hier nicht länger zu warten, sondern erste Schritte zu gehen und die Finanzierungsinstrumente gemeinsam mit der Zielgruppe weiterzuentwickeln.

Zukunft im Einklang mit unseren Werten gestalten

Sieht man sich die Vergangenheit an, ging mit großen technologischen Umbrüchen auch immer ein gesellschaftlicher Wandel einher. Dieses Phänomen zeigt immer wieder ähnliche Muster, wie z.B. bei der ersten Industriellen Revolution: Zu Beginn haben in erster Linie eine kleine Elite und viel Kapital diesen Fortschritt gestaltet und davon profitiert. Der Mensch wurde zum Produktionsfaktor. Das Proletariat hat sich zusammengeschlossen und über Gewerkschaften eigene Rechte eingefordert. Der Sozialstaat wurde ausgebaut. Am Ende hat ein großer Teil der Bevölkerung am Fortschritt partizipiert.

In einer Zeit des extremen Wandels können wir den aktuellen Herausforderungen nicht mit dem Werkzeug des letzten Jahrhunderts begegnen. Aus diesem Grund sollte gesellschaftliche Innovation eine unserer zentralen Aufgaben sein, um den Mehrwert des Fortschritts zum Wohle der Bürger einzusetzen und auch in Zukunft einen gesellschaftlichen Zusammenhalt gewährleisten zu können. An diesem Punkt sollten und müssen wir gemeinsam arbeiten. Social Entrepreneurship kann hier ein wichtiger Baustein sein, um die vor uns liegenden Herausforderungen ganzheitlich zu lösen und Innovation wieder zum Kernbestandteil der Sozialen Marktwirtschaft und zum Quell eines inklusiven Wachstums zu machen.

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Markus Sauerhammer
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Markus Sauerhammer Von Markus Sauerhammer