Die wahren – und falschen – Kosten von Ungleichheit

Die Autoren:

Kate Pickett
Kate Pickett
Richard Wilkinson
Richard Wilkinson

Die ersten Studien, laut denen in Gesellschaften mit hohen Einkommensunterschieden die Gesundheit schlechter ist und Gewalt häufiger vorkommt, wurden bereits in den 1970er Jahren veröffentlicht. Seit dem hat es zahlreiche Nachweise für die negativen Auswirkungen von Ungleichheit gegeben. Länder mit größeren Einkommensunterschieden zwischen Arm und Reich sind in der Regel von weitaus mehr gesundheitlichen und sozialen Problemen betroffen. Die physische und psychische Gesundheit ist schlechter, die Lebenserwartung niedriger, die Mordraten sind höher, die mathematischen Fähigkeiten und Lesekompetenzen bei Kindern sind schlechter, Drogenmissbrauch ist häufiger und mehr Menschen sitzen im Gefängnis. All diese Aspekte habe eine hohe Korrelation mit Ungleichheit, sowohl auf internationaler Ebene, als auch in den 50 Staaten der USA.

Man wundert sich häufig über die lange Liste von Problemen, die in Ländern mit höherer Ungleichheit schwerwiegender sind. Entscheidend ist, dass all diese Ergebnisse soziale Abstufungen besitzen, die mit jedem Schritt die soziale Leiter herunter wahrscheinlicher werden. Dadurch wird das Grundmuster deutlich: Probleme, die mit dem sozialen Status innerhalb einer Gesellschaft verbunden sind, verschlimmern sich, wenn die Unterschiede im Status größer werden. Größere materielle Unterschiede vergrößern auch die soziale Distanz zwischen uns. Die vertikale Dimension der Gesellschaft – die soziale Pyramide von Klasse und Status – wird wichtiger. Diese materiellen Unterschiede zwischen uns stellen den Rahmen oder das Gerüst dar, an welchem sich die kulturellen Merkmale von Klasse und Status orientieren – dies reicht vom Wohnort, über den ästhetischen Geschmack bis hin zur Bildung der Kinder.

Ungleichheit über die gesamte Bandbreite

Wir sollten die Ausprägung von Einkommensungleichheit jedoch nicht als einen neuen Bestimmungsfaktor von gesundheitlichen und sozialen Problemen betrachten. Vielmehr zeigt sie uns mehr über unser bekanntes Sozialgefälle auf, als wir bisher erkannt haben. Es dürfte bekannt sein, dass die ärmsten Schichten der Gesellschaft die meisten gesundheitlichen Probleme, die niedrigsten Lernleistungen bei Schulkindern und die höchsten Gewaltraten aufweisen. Die zusätzliche Erkenntnis liegt nun darin, dass sich die bestehenden Probleme verschlimmern, wenn die Einkommensungleichheit steigt. Sie verschlimmern sich dabei nicht nur ein bisschen, sondern um ein Vielfaches. Unsere Untersuchung wohlhabender Industrieländer zeigte, dass psychische Krankheiten und Säuglingssterblichkeit in Ländern mit höherer Ungleichheit mindestens doppelt so häufig vorkamen. Einige Untersuchungen zeigten, dass in ungleichen Gesellschaften Mordraten, Freiheitsstrafen und Jugendschwangerschaften bis zu zehn Mal häufiger vorkamen – zum Beispiel in den USA, Großbritannien und Portugal, verglichen mit Ländern mit einer gleichmäßigeren Verteilung, wie etwa Japan oder in Skandinavien.

Die Erklärung dieser Unterschiede lässt sich nicht nur auf die Auswirkungen von Ungleichheit auf Ärmere beschränken. Die negativen Konsequenzen betreffen die Mehrheit der Bevölkerung. Obwohl ärmere Menschen am meisten unter den Konsequenzen von Ungleichheit leiden, weiten sich die Vorzüge einer “gleicheren” Gesellschaft auch auf die wohlhabenden Menschen aus. Es gibt keine verfügbaren Daten darüber, ob auch Superreiche Nachteile aufgrund von Ungleichheit erfahren, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass diese gegen die steigenden Kriminalitätsraten oder Drogen- und Alkoholabhängigkeit in ungleicheren Gesellschaften immun wären.

Reich, aber ungleich

Dass die sich die Auswirkungen von Ungleichheit so deutlich an der Einkommensskala ablesen lassen, passt zu dem Muster sozialer Segregation. Probleme sozialer Segregation beschränken sich selten nur auf ärmere Menschen. Ebenso wie die Konsequenzen von Ungleichheit ziehen sie sich durch die gesamte Gesellschaft: Sogar die Menschen, die nur geringfügig weniger als die reichsten Personen verdienen, haben mehr gesundheitliche Probleme als die, die sich in der sozialen Hierarchie direkt über ihnen befinden. Tatsächlich würde dieses Muster auch bestehen bleiben, würde der Einfluss von Armut auf Gesundheitsprobleme weggelassen werden.

Manche Politiker, sogar einige konservative Politiker, wünschen sich eine klassenlose Gesellschaft. Die unterschiedlichsten Erkenntnisse belegen jedoch, dass dies nicht möglich ist ohne die Unterschiede in Einkommen und Wohlstand, die uns voneinander trennen, zu verringern. Es gibt eine Vielzahl an Hinweisen, dass größere Einkommensunterschiede soziale Strukturen verfestigen: soziale Mobilität ist in ungleichen Gesellschaften geringer, es gibt weniger schichtübergreifende Eheschließungen, Wohnsegregation zwischen Arm und Reich steigt und soziale Kohäsion sinkt. Größere materielle Unterschiede machen die vertikale Dimension der Gesellschaft zu einer immer relevanteren sozialen Spaltungslinie.

Die Angst vor dem Anderen

Die Beeinträchtigungen, die Ungleichheit der Mehrzahl der Bevölkerung abverlangt, ist besonders in Industrieländern eine der größten Einschränkungen von Lebensqualität. Sie schadet der Qualität sozialer Beziehungen, welche wesentlich für Lebenszufriedenheit und Glück sind. Viele Studien haben gezeigt, dass das Gemeinschaftsleben in Gesellschaften mit einer gleichmäßigeren Verteilung stärker ist. Dort ist es wahrscheinlicher, dass sich Menschen in lokalen Gruppen oder ehrenamtlichen Organisationen engagieren. Zudem vertrauen sie einander eher und eine neue Studie hat gezeigt, dass Menschen eher dazu neigen einander, besonders auch Kranken oder Menschen mit Behinderung, zu helfen. Aber mit steigender Ungleichheit verkümmern Vertrauen, gegenseitige Unterstützung und Beteiligung am Gemeinschaftsleben. Zahlreiche Studien belegen, dass an ihre Stelle ein Anstieg an Gewalt, in der Regel gemessen als steigende Mordrate, tritt. Zusammengefasst macht Ungleichheit Gesellschaften also weniger empathisch und unsozialer.

Schaut man sich besonders ungleiche Gesellschaften wie Südafrika oder Mexiko an, dann wird beim Anblick der verbarrikadierten Häuser mit Brettern vor den Türen und Fenstern und mit Maschendraht umzäunten Gärten deutlich, dass die Menschen voreinander Angst haben. Dies wird durch anderes Merkmal desselben Prozesses sehr deutlich: Studien haben gezeigt, dass in ungleichen Gesellschaften ein höherer Anteil am Beschäftigungsaufkommen in sogenannter ‘Wacharbeit’ beschäftigt ist – dies beinhaltet Sicherheitskräfte, Polizei, Gefängniswärter etc. Im Wesentlichen sind das also Posten und Funktionen, die Menschen nutzen, um sich voreinander zu schützen.

Man selbst und die Anderen

Dadurch, dass die vertikale Dimension unserer Gesellschaft immer wichtiger wird, scheint es, als würden wir einander zunehmend nach Status, Geld und sozialer Position beurteilen. Die Tendenz, den inneren Wert einer Person am äußeren Wert zu beurteilen, nimmt zu. Das führt dazu, dass wir uns alle zunehmend darum sorgen, wie andere uns sehen und beurteilen. Eine Reihe psychologischer Studien hat gezeigt, dass Menschen für Sorgen dieser Art besonders empfindsam sind. Eine Auswertung von mehr als 200 Studien belegt, dass besonders Stressfaktoren wie “Gefahr für das Selbstwertgefühl oder den sozialen Status, wodurch andere die eigene Performance negativ bewerten können” die Ausschüttung von Stresshormonen wie Kortisol am stärksten in die Höhe treiben. Diese Sorte Stressfaktoren sind zentral für die kausalen Mechanismen, welche die negativen Auswirkungen von Ungleichheit in der Gesellschaft verstärken. Beispielsweise lassen sich Gewalttaten häufig auf individuellen Gesichtsverlust, das Gefühl missachtet oder als minderwertig betrachtet zu werden, zurückführen. Ähnlich beeinträchtigt Langzeitstress die physiologischen Systeme und seine Auswirkungen auf die Gesundheit sind mit einem schnelleren Altern verknüpft worden.

Um die negativen Auswirkungen von Ungleichheit zu verstehen, ist ein Blick auf ihren Effekt auf die psychische Gesundheit ausschlaggebend. Eine internationale Studie hat gezeigt, dass in besonders ungleichen Gesellschaften viel mehr Statusängste vorherrschen – nicht nur unter den Ärmeren, sondern in allen Einkommensschichten, inklusive der reichsten zehn Prozent. In Gesellschaften zu leben, in denen manche Menschen als besonders wichtig und andere als beinah wertlos angesehen werden, erzeugt bei uns allen mehr Sorge darüber, wie man von anderen gesehen und beurteilt wird. Es gibt nun zwei Wege, wie Menschen mit diesen Sorgen umgehen. Sie reagieren entweder, indem sie von einem Mangel an Selbstbewusstsein, Selbstzweifeln und einem geringen Selbstwertgefühl überkommen werden. So fühlen sich gesellschaftliche Veranstaltungen stressig und wie Torturen an. Diese Menschen vermeiden das am liebsten und ziehen sich mitunter in Depressionen zurück. Andere verfallen als Antwort auf dieselben Unsicherheiten jedoch in einen Prozess der Selbstverbesserung oder Selbstvermarktung, wodurch sie sich in den Augen Anderer als “größer” inszenieren möchten. Statt die eigenen Errungenschaften und Fähigkeiten bescheidener zu sehen, stellen sie sie zur Schau und finden z.B. immer neue Wege, Bezüge in Unterhaltungen einzubauen, die ihnen helfen sich als besonders fähig oder erfolgreich darzustellen.

Da es beim Konsumverhalten zum Teil auch um Selbstdarstellung und Statuswettbewerb geht, wird auch das durch Ungleichheit verstärkt. Studien belegen, dass wenn man in einer Gegend mit höherer Ungleichheit wohnt, man auch eher dazu geneigt ist, Geld für Statussymbole wie ein auffälliges Auto auszugeben. Das größte gesellschaftliche Problem sind jedoch nicht die Kosten für zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen oder die menschlichen Kosten auf Grund der steigenden Gewalt. Die Forschung zeigt deutlich, dass soziales Engagement, die Qualität gesellschaftlicher Beziehungen, Freundschaften und Teilhabe am Gemeinschaftsleben wichtige Faktoren für Gesundheit und Glück sind. Ungleichheit erschüttert dieses Fundament von Lebensqualität bis ins Mark. Statusunsicherheit und sozialer Wettbewerb machen das Sozialleben stressiger: Wir sorgen uns zunehmend um unsere Selbstdarstellung und darum, wie wir beurteilt werden. Anstatt auf Beziehungen wie Freundschaft und Gemeinschaft, welche so wichtig für unsere Gesundheit und unser Glück sind, stützen wir uns entweder auf narzisstische Besitztümer oder ziehen uns aus dem sozialen Leben zurück. Obwohl Unternehmen durch Umsätze davon profitieren, ist das nicht die richtige Grundlage für ein wachsendes Bewusstsein dafür, wie wir nachhaltig innerhalb der planetarischen Grenzen leben können.

Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache im Rahmen eines Projekts zum Thema Ungleichheit, unterstützt von Social Europe, der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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