Haben wir die falschen Lehren aus der Finanzkrise gezogen?

Daniel Mügge

Wir wiegen uns in einem Schein der Sicherheit. Knapp zehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise ist eines neuen Bankencrashs à la Lehman Brothers gebannt. Aber die Selbstgefälligkeit, die das mit sich mitgebracht hat, ist gefährlich. Wenn wir jetzt nicht die richtigen Lehren aus dieser Krise ziehen, bleibt unsere Gesellschaft auch in Zukunft verwundbar für finanzielle Schocks. Denn die Krise war nicht eine des Finanzsektors allein, sondern eine des gesamten Finanzsystems und dessen Abhängigkeit von stetig wachsender Verschuldung. Letztere werden wir nur los, wenn die Wohlhabenden dem Rest der Gesellschaft ihren Reichtum nicht nur leihen, sondern ihn tatsächlich teilen.

In gängigen Schilderungen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise gibt es drei Hauptschuldige für den Finanzcrash 2008: Fahrlässige Aufsichtsbehörden, wie besessen agierende Händler und ein hoffnungslos intransparentes Finanzsystem. Vor der Krise vertrauten Aufsichtsbehörden darauf, dass „der Markt“ Risiken richtig einschätzen und dementsprechend passende Preise festsetzen würde. Regulierung mit Samthandschuh sollte diese Märkte optimal funktionieren lassen; um sie zu bändigen, wenn alles aus den Fugen geriete, war sie nicht gedacht. Allerdings gaben stets steigende Händler- und Managerboni Anreize, um leichtsinnig zu spekulieren. Fügt man dem noch komplexe Derivatemärkte und undurchsichtige Besitzstrukturen hinzu, die Händlern und Aufsichtsbehörden den Blick auf wuchernde Gefahren verdeckten, hat man alle nötigen Zutaten für einen immensen Crash.

Soweit die Mainstream Version. Sie ist beruhigend, da alle drei Faktoren adressiert worden sind: Aufsichtsbehörden sind mittlerweile viel wachsamer; viele Banken haben, oft unter rechtlichem Druck, ihre Boni- und Anreizstrukturen überholt; und besonders das intransparente Handeln mit Hypothekenschulden ist entweder ausgemerzt oder ans Tageslicht geholt worden. Ist es also Zeit, unseren Sieg über die finanzielle Instabilität zu feiern?

Nicht wirklich. Alle drei Reformen waren notwendig und lobenswert. Sie verfehlen jedoch den Kernpunkt der Krise, die unsere Wirtschaftssysteme vor einem knappen Jahrzehnt ins Wanken gebracht und seitdem für so viel Not und politische Unruhe gesorgt hat.

Der Ursprung allen Übels

Finanzkrisen brechen aus, wenn sich ein solide geglaubter kollektiver Wetteinsatz als Chimäre entpuppt. Der spekulative Einsatz kann sich auf alles Mögliche beziehen: die Stabilität von Derivaten mit hoher Hebelwirkung, tosende Aktienmärkte, die (vermeintlich goldene) Zukunft eines Entwicklungslandes, oder florierende Wohnungsmärkte in urbanen Gegenden.

In der Geschichte hat es zahlreiche Vermögensblasen gegeben, angefangen bei der niederländischen Tulpenmanie in den 1630er Jahren. Wer die Liste der Krisen durchgeht, stellt fest, dass verkehrte Händleranreize und ein intransparentes System nicht zwangsläufig für einen Finanzcrash notwendig sind. Beide waren 2008 prominent, aber nicht zwingend nötig für den Crash. Finanzblasen können auch in transparenten, simplen Marktstrukturen heranwachsen – zum Beispiel in IT-Aktien oder Staatsanleihen – in vollem Tageslicht und ohne exzessive Banker-Vergütungen.

Der Grund dafür ist im Prinzip simpel: Märkte bestätigen oft ihre eigenen Spekulationen. Steigende Vermögenspreise ziehen Investitionsbeteiligung an, welche die Marktpreise nach oben treiben und ursprüngliche Finanzspritzen legitimieren. Ähnlich läuft es in Sektoren oder Ländern, in denen Bankrotte durch stetige Geldzuflüsse unterdrückt werden. Risiken scheinen niedrig und saugen weitere Gelder an. Die Spirale schraubt sich höher bis sie sich, oft durch einen zufälligen Auslöser, wieder umkehrt. Anlagenpreise outen sich niemals selbst als übertrieben – bis der Markt zusammenstürzt und das Unverhältnismäßige als offensichtlich entblößt.

Regulierung und Schulden: gut gemeint reicht nicht aus

Nach der Krise haben Kritiker die Behörden dazu aufgerufen, endlich einzugreifen und für Regulierung zu sorgen, die finanzielle Exzesse und Blasenbildug effektiv verhindern soll. Aber die Aufsichtsbehörden tasten bei „richtigen” oder „falschen” Risikoeinschätzungen genauso im Dunkeln wie Börsenhändler. Es ist eine Illusion zu denken, dass öffentliche Regeln fehlgeleitete Marktbewertungen „korrigieren“ könnten – als wenn ein Börsenaufseher wüsste, was denn die tatsächliche Wahrscheinlichkeit ist, dass zum Beispiel eine Immobilienblase platzt. Ungeachtet aller Finanzreformen sind Behörden nicht in der Lage, Marktexzesse vollständig einzudämmen.

Instabilität ist Finanzmärkten nämlich inhärent, unabhängig davon ob die Regulierer Fans des freien Marktes sind oder eher skeptisch. Die eigentliche Frage ist daher, wie sehr der Rest der Gesellschaft solcher unausweichlichen Instabilität ausgesetzt ist. Je mehr Leute und Institutionen den unvorhersehbaren Finanzmärkten ausgesetzt sind, desto tiefergreifende Konsequenzen hat die Krise.

Und genau hier wird es anno 2017 unangenehm. Die Unmengen an Schulden, die im globalen Finanzsystem herumgepumpt werden, sind im Falle der USA in den vergangenen Jahrzehnten hartnäckig hoch geblieben; im Falle Chinas oder Großbritanniens sind sie sogar gestiegen. Einzelne Schuldensegmente mögen tatsächlich geschrumpft sein, aber das trifft nicht auf die Schuldenlast insgesamt zu. Für den deutschen Fall muss klar sein: unser Finanzsystem ist dermaßen europäisch integriert, dass sein Schicksal untrennbar mit dem des restlichen Kontinents verwoben ist.

Insofern es der Schuldenberg war, der unser System 2007 ins Wanken gebracht hat, befinden wir uns heute in einer noch viel übleren Situation. Nach 2007 schwangen die Regierungen vor allem zwei Schwerter im Kampf gegen die Finanzkrise: öffentliche Finanzspritzen um das Banken-Domino zu bremsen, und drastische Zinssenkungen, um die Finanzmärkte mit billigem Geld zu überfluten. Keines dieser Werkzeuge wird in der nächsten Krise verfügbar sein: Reale Zinssätze sind noch immer negativ und können nur steigen, und ein neues Rettungspakete-Karussell ist öffentlich kaum tragbar.

Die nÄchste Krise kÖnnte noch gewaltiger werden

Wie sehr ist unsere Gesellschaft nun in diese Schuldenspirale verwickelt? Zur Zeit sind etliche Bürger von Schulden abhängig, um ein durchschnittliches Leben führen zu können. Sie machen Schulden, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können, um die Bildung ihrer Kinder zu finanzieren oder um ein Auto für den Weg zur Arbeit bezahlen zu können. In Deutschland ist die Situation lang noch nicht so arg wie in vielen anderen europäischen Ländern, aber auch hier zeichnet sich der Trend klar ab – nicht zuletzt, weil deutsche Banken de facto gezwungen sind, den Spar- und Handelsüberschuss hierzulande in anderswo zu verleihen, und damit doch verwundbar werden gegenüber neuen Schuldenkrisen.

Steigenden Schuldenberge vielerorts sind nicht nur Bürden für individuelle Familien. Sie sind auch der Rohstoff für Blasen und Crashes. Wenn die Zinsen irgendwann wieder steigen bleibt nur zu hoffen, dass die finanzielle Belastung von Privathaushalten das nicht im Gleichschritt tut. Sollte das passieren, stehen wir nicht nur vor individuellen Nöten, sondern direkt vor einer gleichzeitigen Wirtschaftskrise aufgrund mangelnder Nachfrage und Finanzkrise durch Kreditausfälle – diesmal ohne offensichtliches Sicherheitsventil, um das System vom Druck zu entlasten.

Das bedeutet nicht, dass wir zur Untätigkeit verdammt sind. Gegenwärtig beruht – sicher europaweit betrachtet – unser Wirtschaftssystem auf Schulden, und das gefährdet letztendlich die finanzielle Stabilität. Die echte Alternative ist, dass die Wohlhabenden den Verschuldeten das Geld nicht leihen, und damit den Schuldenberg noch weiter ansteigen lassen, sondern dass deren Vermögen durch progressive Steuern und Umverteilung geteilt wird. Nicht nur im Namen der Gerechtigkeit, sondern um unser Wachstumsmodell nachhaltig zu machen.

Das ist ein Wesenskern eines inklusiven Wachstums, den es global zu beachten gilt. Wir können unser Wirtschaftssystem nicht allein durch regulierende Korrekturen krisensicher machen. Stattdessen müssen wir es von der Schuldenabhängigkeit befreien. Das wird nur gehen, wenn – um es kurz zu machen – die Reichen mit den Armen teilen, anstelle ihnen den Wohlstand nur zu borgen. Je schneller wir uns das einprägen und dann umsetzen, desto größer ist die Chance, dass wir das Schlimmste im nächsten Finanzcrash abwenden können.

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