Ohne inklusive Digitalisierung kein inklusives Wachstum!

Warum wir für Wohlstand im digitalen Zeitalter auch die Digitalisierung breiter denken müssen

Wer im Jahre 2018 als glaubwürdiger Fürsprecher für inklusives Wachstum auftreten will, muss sich ebenfalls mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Nicht nur weil es sich dabei um einen der wichtigsten Treiber von wirtschaftlichem Wachstum handelt. Sondern auch, weil die Digitalisierung mittlerweile eine der zentralen Stellschrauben ist, die über eine gleichberechtigte Verteilung von Wohlstand und Teilhabemöglichkeiten in einer Gesellschaft bestimmt. Eine Bedingung für inklusives Wachstum in Deutschland und Europa ist also vor allem die Verwirklichung einer ebenfalls inklusiven, am gesellschaftlichen Wohl orientierten Digitalisierung:

Inklusive Digitalisierung bedeutet, dass die gesamtgesellschaftlichen Dimensionen der digitalen Transformation und entsprechender digitalpolitischer Weichenstellungen anerkannt und berücksichtigt werden. Von diesem Standpunkt aus ist Digitalisierung kein alleiniges Thema für den privaten Sektor, bei dem nur wirtschaftliche Einzelinteressen, sondern in erster Linie gesellschaftliche Bedürfnisse und Notwendigkeiten zählen. Eine inklusive Digitalisierung bringt die Interessen von Wirtschaft und Gesellschaft zusammen und trägt im Ergebnis zum sozialen Zusammenhalt bei.

Hürden auf dem Weg zur inklusiven Digitalisierung

Allerdings ist eine solche inklusive Digitalisierung kein Selbstläufer. Schaut man auf den gegenwärtigen Stand der Digitalisierung in Deutschland, wird das an ganz unterschiedlichen Stellen deutlich. Die Hürden und Herausforderungen sind vielfältig: Etwa der hierzulande nur sehr schleppend vorangehende flächendeckende Ausbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur. Performante Funk- und Kabelnetze sind heute von entscheidender Bedeutung, wenn es darum geht, die Vorteile und Errungenschaften der Digitalisierung allen Teilen der Bevölkerung gleichermaßen zur Verfügung stellen und eine digitale Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Oder die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt, über die viel und kontrovers diskutiert wird. Hier besteht der dringende Bedarf, Maßnahmen zu identifizieren, um Umbrüche abzufedern und so zu kanalisieren, dass die durch Digitalisierung hervorgerufenen Produktions- und Effizienzgewinne am Ende allen Arbeitnehmern Nutzen bringen. Weitere Fallstricke ergeben sich mit Blick auf den Umgang mit Daten, die im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung in nie da gewesenen Maße erzeugt, verarbeitet und genutzt werden. Regelmäßig werden die - unbestritten bestehenden -  Potentiale der Datennutzung für die Gesellschaft betont. Menschen haben heute aber in der Regel weder einen Überblick über das Ausmaß der Datensammlung, noch verstehen sie, was mit den Daten, die sie erzeugen, passiert. Gleichzeitig werden sie von wirtschaftlicher Seite intensiv für kommerzielle Interessen genutzt. Es braucht Modelle, die eine Datennutzung erlauben, von der die Gesellschaft profitiert, und die gleichzeitig den Bürgern realistische Kontrollmöglichkeiten über ihre Daten zurückgeben. Nicht zuletzt müssen die Risiken, die sich aus immer genaueren Datenprofilen über individuelle Verhaltensweisen zweifellos ergeben können, ausgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang fällt auch die Rolle der großen Tech-Unternehmen ins Auge, deren Angebote das Erscheinungsbild des digitalen Zeitalters prägen. Indem ihre Plattformen zu zentralen Infrastrukturen für die Gestaltung des täglichen Lebens vieler Menschen geworden sind, verfügen sie nicht nur über immer mehr wertvolle Daten. Sie prägen mit ihren Nutzungsbedingungen und Algorithmen zur Steuerung der Plattformen in hohem Maß das öffentliche Leben. So viel Einfluss in den Händen einiger weniger privater Akteure, steht im Konflikt zu einer inklusiven Digitalisierung.  

Eine inklusive Digitalisierung erschöpft sich aber nicht in der Bewältigung dieser Hindernisse und Herausforderungen. Vielmehr geht es auch und vor allem darum, die Vorteile der Digitalisierung für alle sichtbar und spürbar werden zu lassen. Zum Beispiel muss sich der digitale Wandel auch in besseren Verwaltungsdienstleistungen oder sinnvollen Angeboten etwa im Bildungs- und Gesundheitsbereich für alle Bürger manifestieren. Ebenso gilt es, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen, um einen nachhaltigen, ressourcenschonenden Alltag zu verwirklichen, der die Lebensqualität der Menschen nicht einschränkt, sondern steigert.  

Bezieht man die Perspektive der Bürger in die Überlegungen mit ein - im Grunde eine Voraussetzung, sollen gesellschaftliche Bedürfnisse als Maßstab gelten - wird deutlich, dass die Mehrheit der Bürger ebenfalls mit Hoffnung und Optimismus auf den digitalen Wandel schaut. Gleichzeitig signalisieren andere Umfragen aber auch Unsicherheit und Bedenken, wenn es beispielsweise um die Qualität des Datenschutzes oder die zunehmende Entscheidungsfindung mit Hilfe von Algorithmen geht. Ziel einer inklusiven Digitalisierung muss es sein, dieses Spannungsverhältnis im Sinne der Bürger aufzulösen und den Nutzen der Digitalisierung gerecht zu verteilen.

Wie kann eine inklusive Digitalisierung gelingen?

Klar ist: Die Digitalisierung wird nicht von allein und automatisch allen Teilen der Gesellschaft zugutekommen. An vielen Stellen wird es auf eine Regulierung ankommen, die Digitalisierung nicht bloß als pure Standortpolitik versteht, sondern stärker den gesellschaftlichen Bedarf in den Fokus nimmt. Eine Politik der inklusiven Digitalisierung muss sich aber auch strukturell widerspiegeln. So braucht es entsprechende Verfahren, die alle Teilbereiche - Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft - gleichberechtigt und produktiv in den Politikgestaltungsprozess einbinden. Nur durch Offenheit und Kooperation können angemessene und vorausschauende Antworten auf ein so komplexes, sich schnell wandelndes Themenfeld wie Digitalisierung gefunden werden. Dynamik und Komplexität sind aber nur zwei Argumente, warum es inklusive Formen der Politikgestaltung braucht. Noch bedeutender ist, dass die Art, wie Digitalisierung gestaltet wird, mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen verbunden ist. Diese Fragen zu identifizieren, zu stellen und entsprechende Antworten zu geben - das kann die Politik nicht alleine tun, das kann sie auch nicht gemeinsam mit der Wirtschaft tun, dafür muss sie sich auch für Stimmen aus der Zivilgesellschaft stärker öffnen.

Die Digitalisierung bietet Chancen, gesellschaftliche Schieflagen und Herausforderungen zu lösen und Wohlstand in die gesellschaftliche Breite zu tragen. Dies kann aber nur mit einer inklusiven Digitalisierung gelingen. Der Weg zu inklusivem Wachstum in Deutschland und Europa führt also über die Verwirklichung einer inklusiven Digitalisierung, für die es wiederum einer inklusiven Gestaltung der Digitalpolitik bedarf. Die sich nach wie vor hinziehende Suche nach einer tragfähigen Regierungskonstellation und die Neuaufstellung der nächsten Bundesregierung bieten die Gelegenheit, Digitalpolitik weiterzudenken und inhaltlich wie strukturell ein paar neue Pflöcke einzuschlagen.

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Leonie Beining
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Leonie Beining Von Leonie Beining