Strukturwandel herrscht immer und überall

Strukturwandel – ein Wort, mit dem Sie den durchschnittlichen Ruhrgebietsbewohner mittlerweile wahrscheinlich jagen können, so oft hat er es schon gehört, mal im positiven, oft im negativen Zusammenhang. Unwillkürlich denkt man an Zechenschließungen und Stahlarbeiter, die um ihre Jobs kämpfen. Dabei ist der Strukturwandel ein ganz normaler Prozess in einer Wirtschaft, die sich auf Veränderungen in Gesellschaft, Forschung und Technik einstellen muss, um im Wettbewerb bestehen zu können. Auch Ostdeutschland hat einen Strukturwandel erlebt, nachdem die Wende die dortigen Märkte für Konkurrenz aus der ganzen Welt geöffnet hat. Und auch jede andere Region Deutschlands musste sich über die Zeit wandeln. Strukturwandel ist ein Dauerzustand und kein Ausnahmeereignis.

KohlE und Stahl als kultureller Anker des Ruhrgebiets

Das Ruhrgebiet und meine Heimatstadt Gelsenkirchen im Besonderen wurden aber von einem Strukturwandel getroffen, der sich über Jahrzehnte zog, an die Substanz der Städte ging und sich auch auf Identität und Selbstwertgefühl der Menschen auswirkte. Das Ruhrgebiet ist auf Kohle gebaut und existiert in seiner heutigen Form nur durch die Montanindustrie. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts kamen in mehreren Wellen Facharbeiter und Ungelernte zunächst aus vielen Regionen Deutschlands, später auch aus anderen europäischen Ländern, der Türkei und sogar aus Nordafrika in die Städte des Ruhrgebiets, um hier Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Durch die gemeinsame Arbeit unter oft extremsten Bedingungen entstand eine besondere Kultur, bei der der solidarische Beitrag des einzelnen zur Bewältigung schwieriger Arbeits- und Lebensumstände wichtiger war als die Nationalität, die Religion oder die regionale Herkunft.

Die Montanindustrie formte das Bild der Städte nach ihren Anforderungen und hinterließ im Zuge des Strukturwandels riesige Flächen, die für eine neue Nutzung mit großem Aufwand aufbereitet werden mussten. Als ab Ende der 1950er-Jahre die alles bestimmende Montanindustrie – allein in Gelsenkirchen war 1955 ca. die Hälfte aller Haushalte direkt von Kohle und Stahl abhängig – in eine Jahrzehnte dauernde Krise schlitterte, konnten die Städte des Ruhrgebiets dem erst nur wenig entgegensetzen. Der Verlust von Identität und die Unsicherheit über die eigene wirtschaftliche Zukunft trafen die Menschen, ohne dass ihnen größere finanzielle Hilfe der Bundespolitik zugekommen wäre. Noch verstärkt wurde das Problem dadurch, dass das Ruhrgebiet in den Jahren des Wiederaufbaus als industrielles Herz Deutschlands gebraucht wurde und damit wenig Raum für eine Diversifizierung der lokalen Industrie blieb.

Von der Bergbau- zur Wissens- und Kulturregion

Aber das Ruhrgebiet wäre nicht das Ruhrgebiet, wenn es nicht immer wieder aufstehen würde. Es wandelt sich vom Montanstandort zur Wissens- und Kulturregion. Die Universitäten der Region gehören heute zu den größten des Landes, viele Fachhochschulen bilden AkademikerInnen mit Praxiswissen aus, aus alten Abraumhalden werden hochattraktive Naherholungsgebiete. An kaum einem Ort ist die Dichte an hochklassigen und zugleich niedrigschwelligen Kulturangeboten wohl so groß; die Menschen schaffen eine neue Kultur, die auf der industriellen Tradition beruht, aber an die modernen Zeiten angepasst ist. Entscheidende Impulse für diesen positiven Wandel entstanden durch die Internationale Bauausstellung Emscher Park (1989 bis 1999) oder auch Industriedenkmäler und Touristenmagneten wie die Zeche Zollverein in Essen, die Jahrhunderthalle in Bochum oder den Gasometer in Oberhausen. Viele derartige Beispiele gibt es auch in Gelsenkirchen: Das Gelände der ehemaligen Zeche Nordstern beherbergt heute den Nordsternpark; das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier ist nicht nur für seine Opern und Musicals berühmt, sondern auch für Yves Kleins einzigartige Wandreliefs.

Durch das gesamte Ruhrgebiet zieht sich eine Route der Industriekultur mit regelmäßigen Veranstaltungen wie der Extraschicht und der Ruhrtriennale – diese stärken nicht nur den Tourismus, sondern auch das Selbstbewusstsein der hier lebenden Menschen, die den Wert und die Einzigartigkeit ihrer Region neu schätzen lernen.

Mittlerweile gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, den Lebensraum Ruhrgebiet zu gestalten und zukunftsfähig zu machen: Von kleinen Projekten im Stadtteil, die konkrete Hilfen vor Ort anbieten, Nachbarschaften stärken und zur Verschönerung des Wohnumfeldes beitragen über Infrastrukturprojekte der Städte, des Landes und des Bundes bis hin zu Kohäsionshilfen der EU, die eben auch ins Ruhrgebiet fließen. Für diese Initiativen hat Willy Brandt 1961 die gedankliche Grundlage geschaffen, als er forderte, der Himmel über dem Ruhrgebiet müsse „wieder blau werden“. Auch die Menschen und Unternehmen selbst arbeiten an der Zukunftsfähigkeit der Region: In Gelsenkirchen haben in den letzten 10 Jahren 3000 Existenzgründungen stattgefunden und es wurden mehr als 5000 Arbeitsplätze geschaffen.

Der Wandel als Dauerzustand bleibt Daueraufgabe – für uns alle

Der Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen in der Montanindustrie konnte trotz aller Erfolgsgeschichten jedoch bei weitem nicht ausgeglichen werden. Gelsenkirchen leidet nach wie vor unter einer verfestigten Langzeitarbeitslosigkeit. Von den 17.500 Arbeitslosen in der Stadt beziehen über 14.000 das Arbeitslosengeld II für Langzeitarbeitslose. Viele Städte des Ruhrgebiets schrumpfen durch den demographischen Wandel und den Wegzug von Arbeitskräften. Das führt zu Leerstand, der ganze Häuser verwahrlosen lässt und Lücken in die Quartiere reißt.

Der Strukturwandel bleibt daher eine große Herausforderung für die betroffenen Städte und vor allem die Menschen des Ruhrgebiets, aber er ist machbar – mit genügend Unterstützung von denen, denen das Ruhrgebiet beim Wiederaufbau geholfen hat, als Geld weitaus knapper war als heute.

Die Unterstützung beim Strukturwandel darf nicht von der Himmelsrichtung oder der momentanen politischen Großwetterlage abhängen. Strukturwandel ist eine permanente Aufgabe und über die Jahrzehnte werden immer wieder andere Regionen mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert werden. Man stelle sich nur Stuttgart und Wolfsburg vor, wenn von heute auf morgen keine Verbrennungsmotoren mehr verkauft werden könnten. Wir müssen einen Mechanismus schaffen, der für gleichwertige Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik sorgt. Denn von aktuellen wie zukünftigen Strukturbrüchen ist das Ruhrgebiet ebenso betroffen wie die Lausitz, Mecklenburg-Vorpommern oder Rheinland-Pfalz. Ziel muss es sein, eine gerechte Verteilung von Wachstums- und Innovationschancen zu schaffen. Auch damit kann das Ruhrgebiet irgendwann wieder zu den Zahlern in der Solidargemeinschaft der Regionen zählen – so wie es vor 60 Jahren bereits den Wiederaufbau der Republik solidarisch unterstützt hat.

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Markus Töns Von Markus Töns