Ungleichheit ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts

In den vergangenen Jahren haben Bücher wie „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty die öffentliche Debatte rund um das Thema Ungleichheit befeuert. Sie haben zu einem längst überfälligen Diskurs geführt, der auch in Deutschland noch viel intensiver geführt werden muss. Dieser Beitrag widmet sich der politökonomischen Bedeutung von Ungleichheit im   21. Jahrhundert.

Fakt ist, dass sich Einkommen und Vermögen in den vergangenen drei Jahrzehnten in allen Industrieländern auseinanderentwickelt haben. Die Intensität dieser Entwicklung sowie die Zeitverläufe sind von Land zu Land und Region zu Region unterschiedlich. Der Trend ist jedoch klar zu erkennen. Die Kernfrage lautet also: Was sind die Treiber steigender Ungleichheit?

Im Allgemeinen werden folgende Haupttreiber identifiziert:

  • Globalisierung: Der steigende Welthandel übt in vielen Ländern Druck auf das Lohngefüge aus. Besonders Geringqualifizierte scheinen dadurch Lohnnachteile in Kauf nehmen zu müssen.
  • Technologischer Wandel: In vielen Bereichen der Wirtschaft werden erhebliche Produktivitätsgewinne durch technologische Innovationen erzielt. Eine Folge ist, dass viele Arbeitsplätze und Industrien verschwinden. Diese Entwicklung spielt eine immer wichtigere Rolle für die Erklärung wachsender Ungleichheit.
  • Arbeitsmarktsegmentierung: Rigide und unterteilte Arbeitsmarktstrukturen sorgen dafür, dass bestimmte Gruppen von Arbeitnehmern trotz Humankapitalsteigerung keine nennenswerten Lohnzuwächse zu verzeichnen haben. Dies spricht dafür, dass segmentierte Arbeitsmarktstrukturen bestehende Ungleichheiten zementieren beziehungsweise verstärken.

Diese Haupttreiber sind Teil eines Puzzles, das bis heute nicht genau entschlüsselt ist. Man weiß nicht genau, wie groß ihr Anteil am Gesamtpuzzle ist. Außerdem sind die Wirkungsmechanismen zwischen ihnen äußerst komplex und quantitativ schwierig zu beziffern. Nichtsdestotrotz scheint sich die Forschung immer mehr diesem Themenkomplex anzunehmen – speziell nach der Veröffentlichung von Piketty’s Buch.

Das Papier des Ökonomen Carlos Goés als direkte Antwort auf Piketty’s Formel „r > g“, die Replik „Anti Piketty“ von 20 renommierten WirtschaftswissenschaftlerInnen und ExpertInnenen sowie das Buch „After Piketty“ als interdisziplinäre Auseinandersetzung mit seinen Thesen sind nur einige Beispiele der Vergangenheit, wie sich die internationale Ungleichheitsdebatte durch Pikettys vielzitierten Beitrag weiterentwickelt hat. Auf diesem Grundstein hat er nun in Zusammenarbeit mit einer über 100-köpfigen internationalen ForscherInnengruppe den „Welt-Ungleichheitsreport 2018“ vorgelegt, der die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich weltweit bestätigt.

Digitalisierung als Katalysator von Ungleichheit

Ein besseres Verständnis für die Entstehung und Entwicklung von Ungleichheit gehört also definitiv zum Handwerkszeug politischer Akteure im 21. Jahrhundert. Es ist nämlich nicht abzusehen, dass der Trend steigender Ungleichheit ins Stocken gerät. Ganz im Gegenteil, die Digitalisierung hat das Potential, bestehende Ungleichheiten sogar noch zu vergrößern.

Folgende Entwicklungen spielen dabei eine entscheidende Rolle:

  1. Durch Automatisierung werden viele Routinetätigkeiten – auch im mittleren Einkommensbereich - verschwinden.
  2. Der technologische Wandel führt dazu, dass langfristig deutlich weniger Arbeitskräfte gebraucht werden als heutzutage.
  3. Die „Gewinner“ der Digitalisierung werden immer höhere Kapitalerträge erzielen und dadurch die Vermögensungleichheit erhöhen.  

Während in Deutschland seit Jahren über mangelnde Mobilität im Bildungssystem geklagt wird, sind auch zukunftsrelevante Digitalkompetenzen höchst ungleich verteilt. Man muss kein Hellseher sein um zu erkennen, dass vor allem das urbane gehobene Bildungsbürgertum vom Start-up-Boom und der Jagd nach Venture Capital profitieren wird. Auch die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle geht einher mit immer höheren Anforderungen an Qualifikationen und Kompetenzen für Arbeitnehmer. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern schon heute zu beobachten. Die Digitalisierung zeichnet sich im Vergleich zu anderen Veränderungsprozessen (z. B. Industrialisierung) durch eine noch rasantere Geschwindigkeit aus.

Politik muss soziale Balance wahren   

Die Politik darf sich der komplizierten Gemengelage nicht entziehen. Sie muss sie vielmehr beherrschbar machen. Denn ein zu hohes Maß an Ungleichheit gefährdet die soziale Balance und somit die Stabilität unserer Gesellschaften. Sie gefährdet unter anderem das Aufstiegsversprechen an alle. Materielle Ungleichheit wirkt sich in der Tendenz negativ auf die soziale Mobilität beziehungsweise die Chancengerechtigkeit aus. Dadurch wirkt sie sich ganz konkret auf die Lebensrealität und die Lebenschancen von Menschen aus. 

Des Weiteren widerspricht eine immer größer werdende Ungleichheit auch dem Gedanken der Leistungsgerechtigkeit. Leistung ist nämlich nicht nur ein objektives Kriterium, es steht auch immer im Verhältnis zur Leistung anderer. Es ist gewissermaßen eine Referenzgröße. Und an diesem Punkt wird sich eine Kernfrage stellen: Findet sich die Mehrheit der Menschen in einem solchen referentiellen Verhältnis wieder oder nicht?

Diese Überlegungen zeigen, dass die Ungleichheitsdebatte zentrale Fundamente unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft erfasst hat. Ungleichheit ist längst keine Frage mehr von linker oder rechter Realität. Sie ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Und genau dort gehört sie hin, die soziale Frage. Es wird unser aller Kernaufgabe der nächsten Jahre sein, hierauf gemeinsam eine Antwort zu finden.

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Adrian Sonder
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Adrian Sonder Von Adrian Sonder