Wer organisiert die digitale Transformation?

Das Wort digitale Transformation liegt in aller Munde. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie wir digitale Transformation verstehen können und welche Akteure bei diesem institutionellen Wandel eine Rolle spielen und welche Funktion sie erfüllen.

Jeder verwendet den Begriff digitale Transformation, doch was ist mit dem Begriff gemeint? Digitale Transformation ist eine Form des institutionellen Wandels, in dem digital-getriebene institutionelle Arrangements legitimiert werden. AirBnB ändert zum Beispiel die Spielregeln in der Hotelindustrie. Das auf einem Community-Marktplatz basierende Geschäftsmodel des digitalen Unternehmens gewinnt neben Rückhalt durch Konsumenten zunehmend auch Legitimität durch Stadtverwaltungen, die diese neue Praxis zwar regulieren, aber anerkennen.

Welche Akteure treiben diesen institutionellen Wandel voran? Ein Wandel bringt einerseits neue Akteure hervor (z.B. AirBnB), anderseits kommt es zu veränderten Akteurskonstellationen in Industrien (z.B. AirBnB als Akteur in der Hotelindustrie). Die digital-getriebenen institutionellen Arrangements erscheinen deshalb vor allem etablierte Arrangements durch disruptive Praktiken ersetzen zu wollen. In der Realität nehmen neue Akteure jedoch auch oftmals komplementierende Rollen im bestehenden Branchengefüge ein. (z.B. AirBnB wird das klassische Geschäftsmodell von Hotels nicht gänzlich obsolet machen). Diese neuen Akteure, welche die digitale Transformation gestalten, lassen sich in vier Kategorien unterteilen: Unternehmen, Start-ups, Zivilgesellschaft & Gemeinwirtschaft und Staat.

Innovationskultur ist das A und O

Als Antwort auf die digitale Transformation versuchen traditionelle deutsche Unternehmen – Konzerne sowie Mittelstand – kurzfristig Adaptionen vorzunehmen (z.B. bestehende Gesellschaftsmodelle um eine digitale Dimension, etwa einen digitalen Vertriebskanal, zu erweitern). Langfristig sind zumindest semi-radikale Innovationen notwendig, um den Bestand des Unternehmens zu erhalten. Die große Hürde: Nachhaltige Innovationskulturen zu schaffen ist eine Mammutaufgabe. Unternehmen reden zwar gerne von digitaler Transformation und Innovation, aber allzu oft scheitert es an der Umsetzung. Hier besteht Aufholbedarf gegenüber nordamerikanischen Technologiegiganten (z.B. Google), deren Innovationskultur ausgeprägter ist.

Start-ups sind junge Unternehmen, die versuchen mithilfe von neuen Technologien, Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen einen Marktanteil zu ergattern. Die Start-up-Kultur gewinnt in Deutschland an Bedeutung, Städte wie beispielsweise Berlin bieten ein fruchtbares Ökosystem zum Experimentieren. Im Gegensatz zu existierenden Unternehmen, haben Startups den Vorteil, dass sie nicht auf bestehende Strukturen oder die eigene Unternehmenskultur Rücksicht nehmen müssen. Zwischen Unternehmen und Startups kann es zur Symbiose kommen: Für manche Startups ist der Verkauf an Unternehmen eine wünschenswerte Exit-Strategie; für Unternehmen kann der Kauf von Startups Teil einer attraktiven Innovationsstrategie sein. Schließlich können Startups auch selbst zu führenden Unternehmen der Zukunft werden. Jedoch sollte der heute allgegenwärtige Hype um die Startup-Kultur nicht unkritisch betrachtet werden. Der Glaube an ökonomische Heilsbringer verstellt oftmals den Blick darauf, ob Förderungen in diesem Bereich sinnvoll sind, während andere zentrale Probleme ungelöst bleiben (z.B. einheitliche, einfache Rechtsgrundlagen innerhalb des europäischen Marktes, verfügbares Finanzkapital für spätere Phasen des Wachstums).

Anpassungsbedarf für ein inklusives Digital-Wachstum

Die Zivilgesellschaft und Gemeinwirtschaft ist eine breite Kategorie, welche jedoch ein prinzipielles Interesse am Gemeinwohl der Gesellschaft eint. Im Zusammenhang mit digitaler Transformation sind an dieser Stelle soziales Unternehmertum und neue Genossenschaften zu nennen. Ich möchte hier kurz vertieft auf neue Genossenschaften (siehe http://platform.coop) eingehen. Die Überlegung hinter neuen Genossenschaften: Wenn Technologie die Transaktionsosten für Organisation senkt, warum können wir dann nicht Plattformen als Genossenschaft betreiben. Die genossenschaftlich organisierte Plattform Up&Go bietet zum Beispiel Reinigungsdienste in NYC an. Im Unterschied zu anderen Plattformen, bei denen ArbeiterInnen bis zu 30 % des Gehalts an die Plattformen abliefern, benötigt Up&Go nur 5 % um die Plattform zu erhalten und auszubauen. Ob neue Genossenschaften sich tatsächlich durchsetzen ist trotzdem nicht abzusehen. Fraglich ist, ob diese über genügend Ressourcen verfügen um zu skalieren. Auch die strukturellen Rahmenbedingungen für einen Kapitalismus abseits von Venture- und Finanzkapital sind verbesserungswürdig.

Wenn die digitale Transformation eine breitere Teilhabe an wirtschaftlichem Wachstum in Zukunft ermöglichen soll, denn das ist im Kern mit inklusivem Wachstum gemeint, bedarf es eines durch staatliche Akteure gewährleisteten ordnungspolitischen Handlungsrahmens (vgl. Weißbuch „Digitale Plattformen“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie). Der Staat kann andere Akteure durch Förderprogramme unterstützen und so die soziale Dimension der Ökonomie gezielt stärken. Auch staatliche Investitionen in Bildung und digitale Infrastruktur fördern ein nachhaltiges Wirtschaftssystem. Denn sie ermöglichen sowohl Wettbewerbsfähigkeit, als auch gesellschaftliche Partizipation an den kommenden Veränderungsprozessen. Schließlich kann der Staat auch direkt eine gestaltende Rolle in den strukturellen Veränderungen einnehmen, indem er durch eigene Projekte Akzente setzt. (z.B. im Bereich Blockchain). Weitere wichtige staatliche Aufgabenfelder sind zudem Regulierungen (z.B. im Bereich Datenschutz oder Wettbewerbsrecht) und langfristig eine Innovation des Sozialsystems, wenn sich etablierter Erwerbsbilder strukturell so stark verändern wie erwartet.

Nicht nur Unternehmen, auch der Staat muss als digitaler Akteur agiler werden

Meine Conclusio aus der bisherigen Debatte: die Digitale Transformation führt zur Produktivitätssteigerung und schafft Arbeitsplätze im mittel- und hochqualifizierten Arbeitssektoren. Aber es werden ungleich mehr Arbeitsplätze, vor allem im niedrigqualifizierten Bereich, ersetzt. Die sich daraus ergebenden Ungleichheitsdynamiken bringen die Notwendigkeit mit sich, neue Formen der Umverteilung und Investitionen ins Gemeinwesen zu diskutieren. Auch wenn der Staat eine wichtige Rolle in der digitalen Transformation zu spielen hat, ist seine Handlungsfähigkeit derzeit eingeschränkt. Das liegt vor allem daran, dass die technologische Entwicklung rasanter erfolgt als Prozesse demokratischer Willensbildung. Wir sollten uns daher folgende Frage stellen: Wie können wir den Staat agiler machen, ohne demokratische Prinzipien zu erodieren? Auf diese Frage eine adäquate und gute Antwort zu finden ist eine der zentralen Aufgaben für die Zukunft und notwendige Voraussetzung, nicht nur für die Soziale Marktwirtschaft von morgen, sondern auch für die damit unabdingbar verbundene Inklusivität unseres Wirtschafts- und Wachstumsmodells.

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Thomas Gegenhuber
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