Wieso unser Wachstum inklusiv werden muss, um Ungleichheit zu reduzieren

„A rising tide lifts all boats“ – die Flut hebt alle Boote. Mit diesen Worten umschrieb der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy zu Beginn der 1960er Jahre die wirtschaftspolitische Ansicht, dass ökonomisches Wachstum letztlich allen Teilnehmern am Wirtschaftsgeschehen zu Gute käme. Zur ungefähr gleichen Zeit erlebten die Bürger der Bundesrepublik Deutschland das Wirtschaftswunder der Nachkriegsära, für das der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhard das Leitbild vom „Wohlstand für alle“ formuliert hatte. Begleitet wurde die positive Wirtschaftsentwicklung von einer Stärkung der Arbeitnehmerrechte, dem Ausbau des Sozialstaats sowie einer auf Vollbeschäftigung ausgerichteten Arbeitsmarktpolitik, die eine breite Teilhabe der Bevölkerung am ökonomischen Fortschritt ermöglichte. Im Zuge der Ölkrise im Jahr 1973 verlangsamte sich jedoch das Wachstum in den westlichen Industriegesellschaften, und der „sozialdemokratische Konsens“ – wie der Soziologie Ralf Dahrendorf das politökonomische Gesellschaftsarrangement der Nachkriegszeit bezeichnet hatte – begann zu bröckeln.

Die Liberalisierung und ihre Folgen

So wurde ab den 1980er Jahren die Beseitigung von „Wachstumshemmnissen“ zum dominierenden Anliegen einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, welche mit den Wahlen Ronald Reagans zum US-Präsidenten und Margaret Thatchers zur britischen Premierministerin ihren Platz auf der politischen Tagesordnung fand. In der Folge durchlebten zunächst die angelsächsischen, ab den 1990er Jahren dann auch die europäischen Gesellschaften eine tiefgreifende Deregulierung und Liberalisierung ihrer Produkt- und Arbeitsmärkte, verbunden mit einem Mitgliederrückgang der Gewerkschaften sowie einem schrittweisen Rückbau der sozialen Sicherungssysteme. Die Kernbotschaft der neuen „trickle down“-Ökonomie lautete, dass die Gewinne der wirtschaftlichen Entwicklung zwar zunächst in der Beletage der Gesellschaftsordnung anfallen, von dort aber auch zu den unteren Sozialschichten durchsickern und so schließlich die gesamte Bevölkerung erreichen würden.

Tatsächlich aber verteilte sich der – nun langsamer – wachsende Wohlstand zunehmend ungleich, und in vielen Ländern verschärften sich die Einkommensunterschiede. In Deutschland flossen laut Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung seit Beginn der 2000er Jahre Einkommenszuwächse überwiegend an die oberen Einkommensgruppen, während die Realeinkünfte in der Mitte stagnierten und in den untersten Einkommensgruppen sogar schrumpften. Seit Mitte der 2000er Jahre hat sich die Einkommensungleichheit zwar nicht mehr drastisch vergrößert, doch die positive wirtschaftliche Dynamik der letzten Dekade – gekennzeichnet durch weitgehend stabiles Wachstum, Abbau der Arbeitslosigkeit und steigende Erwerbsbeteiligung – hat auch nicht zu einer Verringerung der Ungleichheit beigetragen. Parallel dazu ist die Armutsrisikoquote seit Beginn der 2000er Jahre gestiegen, während die Vermögen sich auf konstant hohem Niveau bei einem kleinen Teil der Bevölkerung konzentrieren.

Gerechtes Wachstum?

Angesichts dieser Entwicklungen wurde von verschiedenen internationalen Organisationen wie der OECD oder der EU die Notwendigkeit eines „inklusiven Wachstums“ betont. Damit ist gemeint, dass vom wachsenden wirtschaftlichen Wohlstand nicht nur einige wenige, sondern die breite Bevölkerung profitieren sollte. Eine zu große Ungleichheit in der Verteilung des wirtschaftlichen Wohlstands kann nicht nur selbst zum Wachstumshemmnis werden, wie jüngst die OECD hervorgehoben hat. Sie bedroht auch eine zentrale Legitimationsgrundlage der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Schon Karl Marx betonte die potenzielle Sprengkraft eines Wirtschaftssystems, in dem die breite Masse von Erwerbstätigen von einigen Wenigen, in deren Händen sich das Eigentum an Produktionsmitteln befindet, abhängig ist. Für die Zustimmung der breiten Masse zu diesem ökonomischen Arrangement kommt es wesentlich darauf an, dass auch sie in hinreichendem Maße an der ökonomischen Entwicklung partizipiert. Ist dies nicht der Fall, wächst die Kritik. So zeigt die amerikanische Soziologin Leslie McCall, dass selbst unter den Bürgern der USA, die ökonomischen Ungleichheiten gegenüber prinzipiell tolerant sind, die Wahrnehmung, nicht ausreichend von der wirtschaftlichen Entwicklung zu profitieren, mit einer wachsenden Ungleichheitskritik einhergeht. Schaut man sich die Einstellungen der Menschen in Deutschland anhand der Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) an, so stimmte Mitte der 1980er Jahre noch ein gutes Drittel der Befragten der Auffassung zu, dass die Gewinne in Deutschland gerecht verteilt würden, wohingegen Mitte der 2000er Jahre nur noch ein knappes Fünftel im Westen und nicht einmal jeder Zehnte in Osten dieser Ansicht waren. Zwar fallen diese Einschätzungen im Jahr 2014 wieder etwas positiver aus, doch sie bleiben deutlich unter dem Ausgangsniveau der 1980er Jahre. Eine große Mehrheit der Bürger hierzulande scheint somit nicht das Gefühl zu haben, dass es bei der Verteilung der Erträge der wirtschaftlichen Dynamik gerecht zugeht. Entsprechend wird auch die soziale Ungleichheit als zunehmend ungerecht empfunden.

Sicherheit im Unbehagen

Paradox hieran ist jedoch, dass gut die Hälfte der Menschen die eigene wirtschaftliche Lage positiv bewertet und für die nähere Zukunft auch kaum eine Verschlechterung erwartet; eher ist dies für das Alter der Fall. Dies zeigt sich in einer repräsentativen Umfrage zur Wahrnehmung von Ungleichheit und Gerechtigkeit, die wir im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Goethe-Universität Frankfurt am Main durchgeführt haben. Zugleich sehen wir, dass die rund 15 Prozent der Befragten, die ihre derzeitige wirtschaftliche Lage als schlecht bewerten, auch für die nähere Zukunft und für ihr Alter größtenteils keine Verbesserung erwarten. Diese Ergebnisse spiegeln nicht unbedingt die Stimmungslage einer „Abstiegsgesellschaft“ wieder, wohl aber Wahrnehmungen einer blockierten Mobilität und fehlender Aufstiegskanäle – einer „Stillstandsgesellschaft“ also, wenn man so will.

Wie ein inklusives Wachstum gelingen kann

Hier liegt ein wichtiger Ansatzpunkt einer inklusiven Wachstumspolitik. Angesichts des Ziels, die Erträge ökonomischer Dynamik möglichst breit in der Gesellschaft zu verteilen, besteht eine wichtige Aufgabe gerade darin, denjenigen, die derzeit kaum auf eine Verbesserung ihres Lebensstandards hoffen, Aufstiegsoptionen und -wege zu eröffnen. Politische Maßnahmen können hier einerseits an der Entfaltung individueller Aufstiegspotenziale ansetzen, indem etwa gerade bei Geringqualifizierten verstärkt in Aus- und Weiterbildung investiert wird. Andererseits spielt auch die Beseitigung struktureller Mobilitätsbarrieren eine wichtige Rolle: Dies reicht von der Bereitstellung von Kinderbetreuung, um eine Arbeitsmarktteilhabe unter Personen mit Fürsorgepflichten zu ermöglichen, über eine Stärkung der Tarifbindung im Niedriglohnbereich bis hin zu Neujustierungen im sozialen Sicherungssystem, die – etwa in Form einer negativen Einkommenssteuer – einen Übergang in Erwerbstätigkeit erleichtern. In jedem Fall erinnert uns die Gerechtigkeitstheorie des amerikanischen Philosophen John Rawls daran, dass ein zentraler Maßstab für die Inklusivität einer neuen Wachstumspolitik darin bestehen sollte, inwiefern der wachsende Wohlstand nicht nur die breite Masse erreicht, sondern gerade auch die am schlechtesten gestellten Bevölkerungsschichten.

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Patrick Sachweh
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Patrick Sachweh Von Patrick Sachweh